Lene Mayer-Skumanz
17. MÄRZ
GERTRUD VON NIVELLES
(für Kinder erzählt, zum Vorlesen, Nacherzählen und Spielen)
Vor langer, langer Zeit wurde im Königreich der Franken ein Mädchen geboren, in Nivelles, das liegt südlich der heutigen Stadt Brüssel in Belgien, in der alten Landschaft Brabant. Die Eltern nannten das Kind Gertrud – Geretrudis in ihrer althochdeutschen Sprache, der Name bedeutet “stark mit dem Speer³ oder “speerstark³. Welche guten Wünsche gaben die Eltern ihrer kleinen Tochter mit diesem Namen mit? Haben sie gehofft, dass Gertrud eine kühne Jägerin wird? Oder dass sie selbst wie ein kräftig geschleuderter Speer geschwind ins Ziel trifft?
Gertruds Eltern waren reich und hatten viel zu sagen im Land. Der Vater gehörte der Familie der Karolinger an, er hieß Pippin und war nach dem König der mächtigste Mann im Staat; er hatte die Stellung eines Majordomus oder Hausmeiers, also eines Obersten Ministers. Die Mutter hieß Iduberga, in der Kurzform “Itta³, stammte aus einer Königsfamilie und war eine fromme Christin.
Gertrud hatte eine ältere Schwester und einen älteren Bruder. Sie durfte schon als Kind viel lernen und Bücher lesen, das war damals für ein Mädchen gar nicht üblich; aber die Eltern hatten bemerkt, welchen Spaß ihre kleine Tochter am Lernen hatte.
Als Gertrud 1o Jahre alt war, begleitete sie ihre Eltern zu einem Festessen zu Ehren des Königs Dagobert aus der Familie der Merowinger. Dem König gefiel das schöne, kluge Mädchen, und er hätte sie gern mit dem Sohn eines Herzogs verheiratet, der zu seinen treuen Gefolgsleuten zählte. Auch Gertruds Eltern hatten gegen die Verlobung nichts einzuwenden, und der junge Mann war begeistert von Gertrud.
Doch Gertrud sagte: “Ich kann dich nicht heiraten. Ich bin schon vergeben!³
Da erschrak der junge Mann, und der König und auch die Eltern wunderten sich.
“Wer ist es?³, fragte die Mutter.
“Gott ist es³, antwortete Gertrud. “Niemand auf der Welt hat mich so lieb wie Gott, da bin ich mir ganz sicher. Darum hab ich geschworen: Ich will nur Gott gehören.³
Der König sprach zu Pippin: “Rede deiner Tochter gut zu. Als Vater kannst du über sie bestimmen. Befiehl ihr, den Herzogssohn zu nehmen.³
“Das tu ich nicht³, sagte Pippin lächelnd. “Sie hat meinen Dickschädel geerbt. Ich werde sie zu keiner Hochzeit zwingen.³
Der König war wütend, der Herzogssohn kränkte sich, und alle Festgäste staunten, dass ein so junges Mädchen, fast noch ein Kind, schon so genau wusste, welchen Lebensweg es wählen wollte. Gertrud glich wirklich einem Speer, der auf sein Ziel zusaust.
Drei Jahre später starb König Dagobert, und wieder ein Jahr später starb Pippin. Nun hatte Gertrud keinen Vater mehr, der sie schützte und ihren Willen respektierte. Die Fürsten und Adeligen dieser Zeit waren rücksichtslos und grausam, wenn es galt sich durchzusetzen. Mutter Itta wusste einen Ausweg. Sie baute ihr großes Haus in Nivelles zu einem Kloster um, und beide, Mutter und Tochter, wurden Klosterfrauen.
Nach dem Tod der Mutter war die junge Gertrud die Äbtissin des Klosters. Sie sorgte gut für ihre Mitschwestern. Wenn die noch nicht schreiben und lesen konnten, lernten sie es bei Gertrud. Sie bestand darauf, dass jede Klosterschwester die Bibel las, die Geschichte von Gott und den Menschen. Aus Irland ließ sie zwei gelehrte Mönche kommen, die im Kloster Unterricht gaben. Und aus Rom und Irland bestellte sie religiöse Bücher für die Klosterbücherei. Bücher wurden damals mit der Hand auf feine Tierhäute geschrieben und kosteten viel Geld. Manche Leute schüttelten den Kopf über diese merkwürdige Äbtissin. “Es genügt, wenn eine Klosterfrau fromm ist und fleißig betet und arbeitet³, murrten sie. “Sie braucht doch nicht selbst die Bibel zu lesen!³
“Doch³, sagte Gertrud. “Selber lesen und dann selber darüber nachdenken ist sehr, sehr wichtig für uns!³
Zu ihren Klosterschwestern sagte sie lachend: “Als kleines Mädchen habe ich meiner Mutter zugesehen, wie sie vieles zu gleicher Zeit tat: Sie ging mit der Spindel auf und ab und spann den feinen Leinenfaden, beaufsichtigte die Dienerinnen, guckte nach uns Kindern und sprach und scherzte mit uns. Oder sie betete halblaut beim Spinnen und Hin- und Hergehen. Frauen können das: zu gleicher Zeit arbeiten und beten. Wir alle können das. Macht es mir nur nach!³
Unter ihrer Anleitung spannen und webten die Klosterfrauen. Aus Wolle webten sie warme Stoffe für sich und die Armen, aus dem Flachszwirn feine Leinenstoffe für Altartücher und Messgewänder.
Gertrud spann mit einer Spindel. In der einen Hand hatte sie den Spinnrocken, einen senkrecht gehaltenen Stab, auf dem die lockere Wolle der Schafe oder die Fasern des Flachsgespinsts hingen, und mit der anderen Hand ließ sie den Spindelstab mit dem Wirtel kreisen. Der Wirtel ist das Schwunggewicht an der Spindel. Er schwang in ebenmäßigen kleinen Kreisen, so wurde der Woll- oder Leinenfaden, von den Fingern zusammengedreht, ordentlich um den Spindelstab gewickelt. Eine geschickte Spinnerin konnte also während dieser Arbeit auch auf- und abgehen, plaudern, singen, beten oder nachdenken oder auch einfach nur still mit Gott beisammen sein.
Gertrud war gern mit Gott beisammen. Ihre Finger arbeiteten wie von allein, während Gertrud sich mit Herz und Kopf an Gottes Liebe freute. Doch einmal wurde sie dabei auf eine ganz freche Weise gestört, und zwar von Mäusen. Die wurden nach einem warmen, trockenen Herbst eine arge Plage. Kein Regen zerstörte die Mausebrut in den Nestern, die sie ein, zwei Handbreit unter der Erdoberfläche bauten. Sie vermehrten sich schnell. Auf den Wiesen und Weidegründen sah man ein Mauseloch neben dem anderen.
Die Mäuse fraßen die Grasnarben und die Wurzeln der Pflanzen. Sie gruben ihre Mausegänge bis in die Gärten, knabberten sich durch die Holz- und Flechtwände der Häuser, drangen in die Speisekammern ein und fraßen, was sie nur fanden: Schmalz und Speck, Brot und Nüsse, Körner und Mehl. Sie huschten in die Schlafkammern und fraßen das Stroh aus den Strohsäcken. Sie nagten Löcher in die von der Arbeit verschwitzten Kittel und Hemden der Armen. Sie verbreiteten Flöhe und Krankheiten.
Die Menschen waren verzweifelt. Sie zimmerten für die Brotlaibe hölzerne Gestelle oder flochten sie aus Weidenruten und ließen sie an Stricken von der Decke baumeln, um das Brot zu retten. Wer sich schwere dickwandige Holztruhen leisten konnte, bewahrte in ihnen Getreide und Mehl auf und ritzte das Zeichen des Kreuzes ins Holz. Um die Kornvorräte vor den Mäusen zu schützen, bauten die reicheren Leute eigene kleine Häuschen – Kornkasten – mit einer Fensterluke für frische Luft hoch oben und mit so genannten Mauswehren; das waren rund ausgenommene Balken an der Außenseite oder klug abgestufte Außenwände, oben breiter als unten. Denn Mäuse können an überhängenden glatten Teilen nicht hochklettern, ihre Pfoten würden abrutschen. Bei armen Handwerkern kamen die Mäuse leicht an den kleinen Kornvorrat, denn bei denen gab es oft keine dicken Truhen.
Die Menschen in Brabant waren schon sehr verzagt. In den dunklen Winternächten, wenn sie gerade einschlafen wollten, hörten sie die Mäuse trippeln und huschen und nagen. Und die Wildschweine aus den Wäldern machten die Plage noch schlimmer. Weil sie gern Mäuse fressen, wühlten sie die Weideflächen um und um und zertrampelten sie. Bange dachten die Bauern an den Frühling. Sie würden kein Futter für Kühe und Schafe haben! Und die schrecklichen Mäuse würden alle Körner der neuen Aussaat fressen. Dann drohte eine Hungersnot!
Auch in Gertruds Kloster waren die Mäuse eingedrungen. Sie krabbelten über Gertruds Kleid und Mantelumhang bis zum Spinnrocken und ließen sich nicht verjagen. Unter solchen Umständen kann auch eine sehr fromme Äbtissin nicht länger arbeiten, beten und nachdenken.
“So geht´s nicht weiter! Aus!³, rief Gertrud und fing an, die Mäuse fortzubeten. “Gott, schick die Mäuse weg. Hörst du? Schick sie fort!³
Und Gott schickte die Mäuse fort. Im ganzen Land verschwanden sie, wie weggewischt! Mit neuem Schwung und frischer Hoffnung fingen die Menschen an, ihre Felder und Gärten zu bestellen.
Gertrud konnte sich wieder um ihre übliche Arbeit kümmern. Sie ließ eine Herberge für wandernde Handwerksburschen und eine Raststätte für Pilger bauen, sie half unermüdlich allen Armen und Kranken. Sie stiftete Frieden unter verfeindeten Menschen; in ihrer liebenswürdigen, gewinnenden Art gelang ihr das besonders gut. Weil sie selber gewissermaßen ein Dickschädel war, konnte sie mit Dickschädeln geschickt umgehen. Mit ihren Worten rührte sie ans Herz, sie machte den Leuten Mut. Sie sagte ihnen: “Das verspreche ich euch: Gott selbst ist hier in unserer Mitte – wenn wir uns versöhnen.³ Da gab schließlich jeder ein bisschen nach, tat einen Schritt und noch einen SchrittŠ Und wenn die einst Verfeindeten einander die Hände zur Versöhnung reichten, brachte Gertrud ihnen einen Becher, aus dem sollten sie gemeinsam trinken zur Bekräftigung des Friedensbundes.
Gertrud war ein Segen für das ganze Land.
Als sie starb – sie starb sehr jung, mit 33 Jahren, am Tag des heiligen Patrick aus Irland, an einem 17. März, während der Messe -, hörten die Menschen nicht auf, sie um Hilfe zu bitten. Sie sagten: “Jetzt ist Gertrud für immer mit Gott beisammen, das war ihr Ziel, seit sie ein kleines Mädchen war. Gott hört auf sie, wenn sie für uns ein gutes Wort einlegt. Heilige Gertrud, bitte für uns!³
Information:
Gertrud von Nivelles, geb. 626 als
Tochter des einflussreichen fränkischen Hausmeiers Pippin des Älteren (somit
ist sie die Ur-Ur-Großtante von Karl dem Großen) – gest. am 17. März 659
als Äbtissin im von ihrer Mutter gegründeten Kloster Nivelles
Patronin der Gärtner und Gärtnerinnen und der Feld- und Wiesenfrüchte, Helferin der Armen, Fremden, Reisenden, Kranken und Pilger, Helferin bei Mäuseplagen und bei Fieber
Das Sprichwort “Gertrud mit der Maus
treibt die Spinnerinnen raus³ zeigt Gertrud als Frühlingsbotin. Am ihrem Tag hörte
die winterliche Arbeit der Mädchen, das Spinnen, auf; Schafe und Kühe wurden
auf die Weide getrieben und die Frühjahrsarbeit im Garten begann. Für die Bauern
wurde der Gertrudtag bis heute zum Frühlings-Lostag (“Ist St. Gertraud sonnig,
wird dem Gärtner wonnig³, “Gertrud nützt dem Gärtner fein, wenn sie sich zeigt
mit Sonnenschein³). Die im Frühling zurückkehrenden Störche, Schwarzspechte und
Kuckucke heißen im Volksmund Gertruden-Vögel.
Nach einem alten Brauch werden am
Gertrudtag “gebackene Mäuse³ (aus Germteig) verspeist oder auch
“Salbeimäuschen³, in Palatschinkenteig gebackene Salbeiblätter, deren Stiel das
Mauseschwänzchen ist.