Dišzesanbischof Dr. Egon
Kapellari, Graz-Seckau
ãDie anatomisch gedachte Zeichnung denkt von
innen nach au§en.Ò[1]
Josef Mikl
†ber
Sichtbares und Unsichtbares
Zum
Ineinander von formaler und geistiger Bildtektonik im Werk von Josef Mikl
(Beitrag zum Katalog Josef Mikl
der Kunsthalle Krems - Ausstellung November 2004 bis Februar 2005)
ãNicht Abbildung, sondern FormdeutungÒ[2] hat schon Monsignore Otto Mauer als die Grundintention und treibende Kraft der Kunst von Josef Mikl erkannt. In der KŸnstlergruppe von Mauers Galerie nŠchst St. Stephan war Mikl so etwas wie der ãRealistÒ, der stets unmittelbar am Objekt ansetzte. Anders als bei den mit skeptischem Pathos fragenden †bermalungen Arnulf Rainers, dem paradiesisch-schwebenden Farbenkosmos von Wolfgang Hollegha oder den wie zufŠllig hingeworfenen, dynamischen Gesten von Markus Prachensky geht es in Mikls Bildwelten um Prinzipielles, um Ordnung und grundlegende GefŸge. Er ist stets auf der Suche nach den inneren Strukturen seiner GegenstŠnde, die er in allgemeine Bildstrukturen zu Ÿbersetzen versucht und damit das OrdnungsgefŸge der Welt in die Tektonik seiner Bilder transponiert. Aus dieser Suchbewegung entsteht aber nichts Statisches, vielmehr scheinen sich Farben, Formen und Linien im langsamen Zueinander - zuweilen ein wohlgeordnetes Gegeneinander zulassend - bestŠndig neu zu entfalten. ImaginŠre RŠume entstehen, die sich auf den Betrachter zu bewegen, ihn einhŸllen oder in eine imaginŠre Tiefe schweifen lassen. Der Sensible spŸrt den langen Entstehungsprozess und oftmaligen fragenden Neuansatz in den Kompositionen, bevor sie dem Blick des KŸnstlers als vollendet standhalten und fŸr andere Beschauer freigegeben werden. Immer wohnt den Bildern etwas eigenartig UngezŠhmtes und bleibend UngebŠndigtes ein. Sie scheinen weniger eine versuchte Antwort als die Generierung der Frage zu sein, was denn die Schšnheit dieser Welt, die Ordnung des Kosmos sein kšnne. Mit dem Ausbalancieren von Farben, Formen und der Energie des Gestischen scheint Mikl sich zum OrdnungsgefŸge der Welt vorzutasten, es weiter- und subjektiv neu zu bauen. Auch in seinen ruhigsten Kompositionen findet sich bei ihm nichts abgeschlossen Beruhigtes, organisch Wachsendes bleibt auch in Aussparungen, im Abwesenden anwesend. Trotz der bedŠchtig gefŸgten Farben und Formen erscheinen die prŠzise orchestrierten Bildkompositionen wie Momente einer lŠngeren Entwicklungsreihe stetig neuer Bildfindungen.
Graphische, zuweilen handschriftlich anmutende Spuren verleihen Mikls Bildern etwas sehr Individuelles. †ber einen langen Zeitraum entwickelt er einen sehr persšnlichen Duktus im Graphischen, Schritt fŸr Schritt fort- und weiterentwickelt aus den frŸhen zeichnerischen AnlŠufen, in denen technisch empfundene Bildstrukturen, Ršhren und Maschinenhaftes dominierten, auch die Organik des menschlichen Kšrpers in technisch Maschinenhaftes transponiert wurde. Dem Linienspiel der spŠteren Werke – einer Schrift, als deren Inhalt sich das spontan Subjektive an sich erweist - ist diese Herkunft nicht mehr anzumerken, und doch erscheint es in gewisser Weise als eine logische, wenn auch mit viel freierer Organik gefŸllte Weiterentwicklung. Die Frage nach der Konstruktion war schon immer eine Leitidee, ob am menschlichen Kšrper, an der Natur oder an der Maschine. Es ist die Tektonik eines Bildorganismus, die Mikl interessiert. Seine Bilder erscheinen nur auf den ersten Blick spontan hingeworfen, erweisen sich bei genauer Betrachtung einem sehr diszplinierten und immer wieder die eigenen Bildstrukturen hinterfragenden Arbeitsprozess unterworfen: eine aus ihrem Inneren erwachsende ãSuggestion der SpontaneitŠtÒ[3] (Wieland Schmied) ist ihnen zu Recht zugesprochen worden. Resultat einer konsequenten Arbeit am gestischen Moment des Malerischen, bei der sich der Zufall kongenial mit klarem KalkŸl verschwistert.
Trotz ihrer einladenden, leuchtenden Farbigkeit – stets ein Fest fŸr die Augen - sind die Bilder doch gleichzeitig von fast asketischer Strenge, auf Prinzipielles konzentriert. Auch wenn seit den 80iger Jahren das unmittelbar GegenstŠndliche mehr und mehr verschwindet, scheint das Objekt, das den Ausgangspunkt der kŸnstlerischen Auseinandersetzung bildete, in seiner Struktur in die Bildordnung transformiert doch weiterzuleben. Was sich zum Geistvollen, zur Wahrheit bewegt, braucht einen Inhalt, einen Gegenstand, sonst verkommt es zum blo§ Dekorativen, zum Muster, ist Mikls wiederholt geŠu§erte †berzeugung. Er hat sich nie als abstrakter KŸnstler verstanden, ãgegenstandslose Bilder gibt es nichtÒ[4], hat er einmal apodiktisch in Bezug auf seine Kunst festgestellt.
Die Bilder erscheinen aus kontemplativer Versenkung erwachsen zu sein, auch wenn der Gegenstand der Betrachtung bis zur Unkenntlichkeit zurŸckgetreten ist oder nur mehr im Titel anklingt. Als religišser Mensch ist man versucht, eine Parallele zu religišs inspirierter Kontemplation, zu christlicher Schau des Transzendenten zu ziehen: Das Taborerlebnis der JŸnger Petrus und Johannes im Gefolge Jesu Christi – es ist vielen Erlebnissen christlicher Mystik verwandt - berichtet nicht von einer Auflšsung der Gestalt, sondern von deren VerklŠrung in unsŠglichem Licht. Nicht einer Idee, sondern einer konkreten Gestalt bleibt christliche Kontemplation stets verhaftet.
Es ist Betrachtung, Schau des Wesentlichen, worauf es vor einem Werk von Josef Mikl ankommt. Intellektuelles Suchen nach einer blo§ geistigen Idee ist ein zum Scheitern verurteilter Irrweg. Die geistige Arbeit besteht im Schauen. Es ist nicht eine abstrakte Welt im Kopf, in der seine Bildwelten anzusiedeln sind – weder in ihrer Entstehung, noch in dem, was sie beim Betrachter hervorrufen sollen. Sie dringen in nicht sagbare und doch gestalterisch genau ausgelotete RŠume vor, transzendieren den Gegenstand, ohne ihn ganz hinter sich zu lassen. Gerade darin bietet sich die Mšglichkeit, Dinge nicht von ihrer OberflŠche her, sondern von ihrem Innern zu erfassen. Der KŸnstler hat den Weg gewiesen: Abstraktion meint Konzentration, letztlich geht es um das Einfache, nicht aber um Simplifizierendes.
So einladend die Farbenwelt Mikls auch sein mag, letztlich ist sie auch Ausdruck einer Verweigerung, dem Betrachter allzu leichtfŸ§ig entgegen zu kommen. Die Bilder wollen ein MŸhen, Versenkung, lassen sich nicht in der FlŸchtigkeit des Augenblicks erfassen.
Mikls Farben sind selten ganz opak, bleiben stets durchlŠssig fŸr dahinter Liegendes. Wie Membrane zwischen geschichteten Bildebenen erscheinen die FarbflŠchen, nach vorne und hinten wie in Atembewegungen vibrierend. Es mutet wie eine ihnen immer schon einwohnende innere Notwendigkeit an, dass Mikl diese Bewegung auch in der Technik des Farbglasfensters verwirklichte (u. a. in der Kirche in Salzburg-Parsch oder der Friedenskirche in Hiroshima). Schon die EntwŸrfe atmen den Geist diaphaner Schichtungen, die begrenzen, aber nicht abschlie§en, sondern šffnen. Glasfenster erfassen und durchdringen in sich materialisierender Farb-Licht-Substanz den ganzen Raum; Au§en und Innen, Davor und Dahinter werden durch leuchtende Strahlkraft zusammengebunden. In diese formale wie geistige Bewegung lŠsst sich die spirituelle – Inkarnation und Auferstehung als Ineinander von Diesseits und Jenseits – gut einbergen: das Mysterium klingt an, ohne, dass es sich in klare Verstandeslogik zwŠngen mŸsste.
Auch hier eine AnnŠherung in aller Offenheit und doch – wer sich der Kraft und PrŠsenz der Bilder Mikls aussetzt, wird deren Entstehung aus innerer Notwendigkeit spŸren - nach klaren Prinzipien gefŸgt. Ihre StŠrke ist untrennbar damit verbunden, dass sich das eigentlich Bewegende - die Frage – nicht in abgeschlossen Ruhendem domestiziert findet. Die Formen scheinen wie im Entstehen innezuhalten, in genauer Balance der Komposition und doch darauf angelegt, im Schauenden weiter zu wachsen.
© Brigitte Bruckner-Mikl
[1] Zit. nach: Josef Mikl (Hg.), Monographie Josef Mikl, Wien 1980, 27.
[2] Otto Mauer, Der Maler Josef Mikl, in: GŸnter Rombold (Hrsg.), Otto Mauer. †ber Kunst und KŸnstler, Salzburg – Wien 1993, 250.
[3]Wieland Schmied, Die Malerei nach 1945, in: Ders. (Hrsg.), Geschichte der bildenden Kunst in …sterreich. 20. Jahrhundert, MŸnchen, London New York, 2002, 130.
[4] Franz Joseph von der Grinten, Friedhelm Mennekes, Abstraktion – Kontemplation. Auseinandersetzung mit einem Thema der Gegenwartskunst, Stuttgart 1987, 169.